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04.01.2021

Religion und Gewalt

Würde man auf den Straßen Passanten die Frage stellen, welches die zentralen
Themen in Jesu Botschaft seien, würden sicherlich viele auch nicht im Glauben
verwurzelte Menschen als Antwort die Gewaltlosigkeit nennen. Nicht nur die
Seligpreisungen im Matthäus-Evangelium (Kapitel 5) sind ein Beispiel, dass es
Jesus in aller Konsequenz um Feindesliebe und Barmherzigkeit ging. Und auch
der Buddhismus, der sich schon rund 500 Jahre vor Christus verbreitete,
propagiert diese hohen ethischen Grundsätze – genauso wie die Thesen aus dem
Dekalog im Alten Testament, die so genannten Zehn Gebote.
Doch schauen wir auf die Nachrichten aus aller Welt, müssen wir etwas anderes
feststellen: Gewalt ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Sei es, dass sie sich
an persönlichen, sozialen oder sehr oft auch religiösen Konflikten entzündet. Eine
Menschheit, die in völligem Frieden miteinander lebt, wird sich wohl niemals
realisieren lassen. Einzelne Menschen haben sich im Lauf ihres Lebens immer
wieder klar von jeglicher Gewalt abgegrenzt. Auf diese Weise sind sie berühmt
geworden und gelten als eine Art moderne Heilige. Aus der jüngeren Geschichte
dürfen da Mahatma Gandhi genannt werden, Mutter Theresa oder Nelson
Mandela. Doch die großen Krisen und die Kriege, die Menschen gegeneinander
und auch gegen die Natur (spirituell: gegen Mutter Erde) führen, überschatten
unser Dasein.
Besonders schwierig ist der Umgang mit religiös motivierter Gewalt. Denn ganz
neutral betrachtet ist etwa der Djihad, der heilige Krieg im Islam, eigentlich ein
Aufruf zur Verteidigung der Gemeinschaft aus Gottes Ordnung - und zwar für all
diejenigen, die sich dieser Ordnung aus welchen Gründen auch immer verpflichtet
fühlen. Dieses Verhalten und Denken von vorne herein moralisch zu verurteilen,
führt zu keiner Lösung. Auch die christlichen Kreuzzüge oder die Inquisition haben
unsägliches Leid über Menschen gebracht. Forschungsarbeiten zu religiöser
Gewalt und ihren Ursachen füllen zwar die Computerfestplatten und Bibliotheken
ungezählter Institute weltweit. Aber langfristig umsetzbare oder für alle akzeptable
Konzepte finden sich nicht.
Woran liegt das? Die Antwort ist so einfach wie klar: Es mangelt uns Menschen an
Bewusstheit, Wahrheit und Liebe. Biblisch-theologisch ausgedrückt könnte man
sagen: Wir existieren unter der Macht der Sünde, seit wir - symbolisch betrachtet -
aus dem Paradies vertrieben wurden. Im Römerbrief schreibt Paulus: „Denn
obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihn nicht als Gott geehrt und ihm nicht
gedankt, sondern verfielen in ihren Gedanken der Nichtigkeit und ihr
unverständiges Herz wurde verfinstert.“ (Röm 1, 21) Die Folgen des Sündenfalls
beschreibt Paulus schonungslos: „Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit,
Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden und
treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und

prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind
unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen.“ (Röm 1, 29-31)
Etwas alltagssprachlicher heißt das: Es sind all unsere eigenen ungelösten
inneren Konflikte, unsere eigenen nicht geheilten Lebenswunden und die daraus
resultierenden emotionalen Gedanken, mit denen jeder von uns zu einer
grausamen, konkurrierenden und unehrlichen Welt beiträgt. Wir wissen nicht, wie
es ist, in tiefem Frieden und in echter Liebe zu leben. Jesus hat das klar erkannt
und diese Erkenntnis unter anderem mit dem eindrücklichen Bild des Splitters im
Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge (Mt 7,3) formuliert. Heute
sehen wir als „Splitter“ in erster Linie die großen globalen Kriege, die
Gewaltexzesse der Neuzeit, aber nicht den Balken der Konfliktfelder in unserem
unmittelbaren Umfeld.
Es ist eine Form von Gewalt, schlecht über andere Menschen zu reden, all die
unsäglichen Kleinkriege in unseren Beziehungen zu führen, sei es in der Familie,
am Arbeitsplatz oder in unseren verschiedenen sozialen Kontakten. Es ist eine
Form von Gewalt, andere für eigene Missstände zu beschuldigen anstatt selbst
Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Es ist eine Form von Gewalt, wie
wir die Schätze der Erde ausbeuten, Tiere misshandeln und einem Konsumwahn
verfallen sind für unseren vermeintlichen Luxus. Und diese alltäglichen Formen
von Gewalt, die quasi im Kopf, mit unseren Gedanken beginnen, üben wir alle
aus, auch dann, wenn wir einer Religion anhören oder eine feste Glaubenspraxis
ausführen. Dieser Kollektivgewalt können wir uns als einzelne kaum mehr
entziehen, zu sehr sind wir mit den Auswirkungen unseres Verhaltens als
Gesellschaft und menschliche Gemeinschaft miteinander verwoben. Dennoch
möchte ich das nicht als Pauschalverurteilung der Welt und des Menschen
verstanden wissen. Urteile und Bewertungen bringen uns auf unserem spirituellen
Weg nicht weiter. Es geht darum, aus unserer Unbewusstheit herauszufinden.
Nicht umsonst lesen wir in Lk 23,34 aus Jesu Mund: „Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun.“
Ich erinnere mich an ein Lied, das wir früher in der Jugendgruppe meiner
Pfarrgemeinde oft gesungen haben: „Fang mit dem Frieden bei deinem Nachbarn
an“ lautete der Titel. Damit ist schon viel gesagt. Im Grunde ist das aber der
zweite Schritt vor dem ersten. Der erste Schritt ist, mit dem Frieden im eigenen
Herzen, im eigenen Haus anzufangen. Für mich heißt das vor allem, sich der
eigenen Gedanken und Worte bewusster zu werden. Ein buddhistisches
Sprichwort sagt: „Bevor du sprichst, lass deine Worte durch drei Tore reisen: Ist
es wahr? Ist es notwendig? Ist es freundlich?“ Was für eine Veränderung würde
unser Leben erfassen, würden wir uns konsequent an dieses Sprichwort halten!
Wie viel überflüssiges Geschwätz, wie viel liebloses Gerede würde einfach aus
unseren Gesprächen verschwinden. Eine offene, ehrliche und somit bewusste
Kommunikation ist für mich der direkte Weg für mehr Frieden in unserem
unmittelbaren Umfeld und letztlich auch in der Welt.
Liest sich das zu banal und wenig überzeugend? Nein, denn Menschen sind

durch ihr Denken, das sie in Worte und Sprachen fassen, aufeinander
angewiesen, miteinander in Verbindung. Auf diese Verständigung untereinander
sind alles Verständnis genauso wie alle Missverständnisse grundgelegt. Dieses
Wissen ist allen Religionen in seiner universalen Bedeutung bekannt. Besonders
eindrücklich ist es in einem Sprichwort formuliert, das dem Talmud zugeschrieben
wird: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf deine
Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie
werden zu Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu
deinem Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“



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