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04.01.2021

Spirituelle Impulse in einer digitalisierten Welt

Endlich mal abschalten, runterfahren! Wie viele Menschen haben diesen Wunsch
nach einem stressigen und anstrengenden Tag, wenn sie abends vielleicht mit
einem guten Buch oder einem schönen Film auf dem Wohnzimmersofa ausruhen
können. Doch was heißt das eigentlich: abschalten, runterfahren? Es sind ja
zuallererst Begriffe aus der Welt der Maschinen- und Computertechnik. Eine
Maschine lässt sich abschalten, ein Computer herunterfahren. Aber ein Mensch?
Was bedeutet es, dass wir solche Analogien längst in unsere Alltagssprache haben
einfließen lassen, um damit unsere Befindlichkeit auszudrücken? Ist uns überhaupt
klar, was wir da sagen?
Ein Computer arbeitet, sofern die Programme in seinem System fachmännisch
installiert sind, schnell und reibungslos. Wenn aber zu viele Anwendungen
gleichzeitig laufen oder man zu viele Daten auf der Festplatte speichert, läuft er mit
der Zeit langsamer und wird leistungsschwächer. Der akute Absturz eines
Computers kann eine kleine oder tatsächlich große Katastrophe auslösen, privat
oder in einer Firma gleichermaßen. Und das, was man vom Computer-Absturz
kennt, hat längst auch in der Psychologie des Menschen einen festen Namen:
Burnout-Syndrom, Ausgebranntsein, der Zustand chronischer Überlastung.
In seelsorglichen Gesprächen in einer psychosomatischen Klinik höre ich oft von
Patienten den Satz: „Mein Akku ist leer“. Frage ich dann nach, wo dieser Akku denn
zu finden sei, damit man ihn wieder aufladen könne, bekomme ich meist ein
Achselzucken oder einen überraschten Blick als Antwort. Der Begriff wird so
automatisch verwendet, dass über die tiefere Bedeutung nicht mehr nachgedacht
wird. Der Akku, das ist die treibende Kraft eines Handys oder Laptops, er erhält den
Betrieb, er ist die energetische Mitte eines Gerätes. Und wir Menschen haben auch
so eine energetische Mitte. Das ist unser Herz, sowohl unser physisches als auch
unser emotionales Herz. Unser Herz ist, um im Bild zu bleiben, unser Akku. Doch
kann unser Herz überhaupt leer sein? Können wir es aufladen, damit es seine
treibende Kraft zurück bekommt, und wenn ja, wie?
Auch Jesus wusste sehr wohl um die Bedeutung unseres Herzens. „Euer Herz lasse
sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“, lesen wir bei Johannes
(14, 1). Das Zeitalter des Kapitalismus und auch der damit verbundenen
Digitalisierung hat uns einerseits viel Fortschritt, Wohlstand und einst ungeahnte
Möglichkeiten gebracht, für unser Herz ist es andererseits aber eine große
Herausforderung. Erkrankungen des physischen Herzens wie Herzinfarkt oder
Schlaganfall sind vielen Studien zufolge in Deutschland immer noch die häufigste
Todesursache. So eine Erkrankung passiert nicht von heute auf morgen, sie hat oft
eine jahrelange Vorgeschichte. Und die Erkrankungen unseres emotionalen Herzens
haben ebenfalls weitreichende Auswirkungen auf unser Leben. Wir dürfen natürlich
spekulieren, was Jesus mit der Verwirrung des Herzens gemeint hat, aber heute
sind es sicherlich Phänomene wie Sinnleere oder die große Zahl an Ängsten, die
Menschen einnimmt und sie innerlich abstürzen lässt.

Ein Handy oder ein tragbarer Computer schickt ein Warnsignal, wenn der Akku eine
bestimmte Prozentzahl an Leistungsfähigkeit unterschreitet. Für den Besitzer ist das
das Zeichen, alsbald das Gerät mit dem Ladekabel an die Steckdose zu hängen, um
den Akku damit wieder aufzuladen. In unserer Hochleistungsgesellschaft haben wir
es jedoch verlernt, die Warnsignale unseres Herzens ernst zu nehmen. Keiner, der
auf die Arbeit seines Computers angewiesen ist, würde warten, bis er abstürzt. Zu
wichtig ist das gespeicherte Datenmaterial. Doch unser physisches und emotionales
Herz setzen wir einer unsäglichen Dauerbelastung aus, bis unser „System“
zusammen bricht.
Man darf schon kritisch hinterfragen, ob es sinnvoll ist, Begriffe aus der
digitalisierten Welt dermaßen in unsere Alltagssprache zu übernehmen. Aber
bleiben wir noch einmal im beschriebenen Bild. Könnten wir Gott die Steckdose sein
lassen und unseren Glauben das Ladekabel, dann könnte unserem Herzens-Akku
doch nichts Besseres geschehen, als genau damit immer wieder aufgeladen zu
werden, um in den vielen Herausforderungen unseres Lebens gelassen, ruhig und,
ja, auch leistungsfähig bleiben zu können. Wenn unser Glaube unser Ladekabel ist,
dann braucht unser Herz nie Gefahr laufen, leer zu werden. Wenn wir spirituelle
und heilsame Rituale pflegen lernen immer wieder aufs Neue, dann brauchen wir
nicht abzustürzen, können jedenfalls im Sturz nicht tiefer fallen als in die Hände
Gottes, wie es die frühere Bischöfin Margot Kässmann einmal so tröstlich
formulierte.
In Gottes Bewusstsein sind wir für alle Zeit und Ewigkeit gespeichert, er wird
unsere Daten niemals löschen. Das beschreiben uns die kraftvollen Worte etwa im
Psalm 139: Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem
Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner
von ihnen da war (Vers 16). Ähnlich hat es uns Jesus zugesagt in seinem
Versprechen: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt 28,20) – weil
wir keine Computer sind, sondern Menschen. Schwestern und Brüder Jesu, Gottes
geliebte Kinder.



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